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Fächerverbindender Geschichtsunterricht Jgst. 9


Im fächerverbindenden Projekt "Industrialisierung", das im FEG bisher zumeist in den neunten Klassen mit Schwerpunkten in den Fächern Geschichte und Englisch durchgeführt wurde, war 2008 für die 9a der Besuch in der Tuchfabrik Müller, zusammen mit der Klassen- und Englischlehrerin Frau Penning, in Euskirchen-Kuchenheim abschließende Station und Höhepunkt. Aus dem vielfältigen Angebot dieses Museums für Schulklassen hatte der Geschichtslehrer, Herr v. Maydell, die Erstellung von Reportagen ausgewählt. Daran wurde anschließend im Deutschunterricht bei Herrn Sorbe weitergearbeitet.

Christine Köhler aus der 9a berichtet vom Musuemstag:

Eine Zeitreise zum Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Tuchfabrik Kuchenheim

Das Rheinische Industriemuseum, die Tuchfabrik Müller, liegt in Kuchenheim in der Nähe von Euskirchen. In der Tuchfabrik Müller betreten die Besucher eine komplette Fabrikwelt aus dem Jahr 1900 mit Dampfmaschinen, Transmissionsanlagen und vielen beeindruckenden Textilmaschinen, die wieder in Betrieb sind. Zahllose Zeugnisse und Spuren des Arbeitsall-tags verleihen der alten Fabrik eine lebendige und intakte Atmosphäre.

In einem Neubau der Fabrik befindet sich der Empfang und ein Ausstellungsraum. Vor einer Führung haben Besucher hier die Möglichkeit, sich schon einmal etwas mit dem Thema „Tuchfabrik“ auseinanderzusetzen. Unter anderem finden die Besucher hier einen alten Web-stuhl und verschiedene Kleidungsstücke aus Baumwolle.

Zu Beginn der Führung wurde unsere Klasse zunächst in zwei Gruppen eingeteilt und zwei Führerinnen erklärten uns kurz, wie die Führung „der etwas anderen Art“ ablaufen würde. Schon jetzt stand fest, dass dies keine Führung im klassischen Sinne werden würde, denn wir selbst sollten aktiv daran teilnehmen und mit Hilfe von Diktiergeräten und Zetteln verschie-dene Interviews in Form von Rollenspielen zu den Aufgaben einzelner Angestellter und Ar-beiter sowie Berufe in der Fabrik führen. Die Gruppen begannen die Führung jeweils im Ab-stand von fünf Minuten.

Frau S. führt uns auf den Innenhof des alten Fabrikgebäudes. Dort wird unsere Gruppe noch einmal aufgeteilt und die Diktiergeräte und Zettel werden verteilt. Unser Weg führt uns nun als erstes in die Wolferei. Dort wird die Wolle für den nächsten Arbeitsschritt gelockert. Um uns zu demonstrieren, wie dies funktionierte, stellt eine Mitarbeiterin die Maschine an. Weni-ge Augenblicke später ist der nicht gerade große Raum mit Lärm erfüllt und wir beobachten, wie die Wolle durch einen Schlauch der Maschine gesogen wird und schließlich an dessen Öffnung, die an der Decke befestigt wurde, gelockert zu Boden fällt. Die Maschine wird wie-der ausgeschaltet und wir werden aufgefordert das erste Interview mit dem Diktiergerät auf-zunehmen.

Nach kleinen Anfangsschwierigkeiten, die sich vor allem dadurch äußerten, dass es vielen von uns schwer fiel sich in die Rollen hineinzufinden, ist das erste Interview aufgenommen und wir gehen weiter zur unserer nächsten Station, die Krempelei.

Auch hier finden wir wieder einer der alten Maschinen vor, die fast den gesamten Raum aus-füllt. Holzhände verdeutlichen noch einmal die verschiedenen Arbeitsschritte. Als auch diese Maschine eingeschaltet wird, fliegen nach kurzer Zeit Wollfasern durch die Luft und der Lärm ist so laut, das man sein eigenes Wort kaum noch versteht. Hier bekommen wir einen Eindruck davon, was die Arbeiter früher viele Stunden am Tag aushalten mussten und wie schwer ihre Arbeit gewesen sein muss. Durch die Informationsblätter unserer einzelnen Rol-len von Berufen und Menschen, die hier gearbeitet haben, können wir zusätzlich nachempfin-den, was die Arbeit ganz konkret bedeutet haben muss.

Nachdem wir auch hier mit unserem Interview fertig sind, führt uns Frau S. in den Neben-raum, in dem sich die Spinnerei befindet. Ein Blick zur Decke zeigt, dass dies ein weiterer Neubau ist, der ursprünglich nicht zur Fabrik gehörte. Wir befinden uns nun in einer großen Halle, in der sich zwei Spinnmaschinen befinden. An jeder einzelnen gibt es mindestens 40 Spindeln, die alle nur von einem Arbeiter in Ordnung gehalten wurden. Wenn man neben der zirka 10 Meter langen Maschine steht, kann man sich kaum vorstellen, dass hier wirklich je-mand von morgens bis abends hin und her gelaufen ist, um zu überprüfen, ob nichts kaputt oder ein Faden gerissen ist. Auch diese Maschine wird für uns eingeschaltet und wohl mehr durch Zufall bekommen wir zu sehen, wie ein gerissener Faden wieder aufgenommen wurde. Die aushängenden Informationen können wir noch zusätzlich in unsere Tonaufnahmen ein-bauen, um die Berichte informativer und lebendiger zu gestalten.

Unser nächstes Ziel befindet sich im oberen Stockwerk, das wir nur durch die Treppe des An-baus erreichen können. Wegen Bauarbeiten ist der alte Zugang leider nicht sicher genug für uns. Wir kommen in die Weberei, wo wir nicht nur vier alte Webstühle sehen können, son-dern auch kleine Dinge, wie Löffel oder Streichhölzer der Arbeiter, die in kleinen Vitrinen ausgestellt sind. Unter den Ausstellungsstücken befinden sich zwei Schuhe, aber auch Notiz-bücher. Der Lohn eines Arbeiters war hier von den Schüssen des Webstuhls abhängig. Je mehr Schüsse, umso mehr produzierte er und danach richtete sich auch der Lohn.

Auch die Vorführung des Webstuhls veranschaulicht die Ausstellung und wir können uns vorstellen, wie hier die zirka 30 Meter langen und 1,43 Meter breiten Tuchbahnen entstehen. Inzwischen können wir in unseren Interviews auch auf Informationen aus den vorherigen Räumen zurückgreifen und so die verschiedenen Arbeitsschritte bei unseren Gesprächsauf-nahmen überzeugend verknüpfen.

Wir machen uns nun auf den Weg zu unserer vorletzten Station in der Tuchfabrik, dem Kes-selraum. Dieser war das Herzstück der Fabrik, ohne ihn lief keine einzige Maschine. Der Hei-zer war der erste, der kam, und der letzte, der ging. Alle anderen Arbeiter mussten sich nach ihm richten, somit bestimmte er auch Arbeitsbeginn und Arbeitsende. Der Kessel kann uns verständlicher Weise nicht vorgeführt werden, aber anhand eines kleinen Modells wird ge-zeigt, wie die Dampfmaschine arbeitet.

Nachdem wir wieder fünf Minuten Zeit für unsere Interviews haben, geht es schließlich zu unserer letzten Station, dem Büro von Herrn Müller. Hier wurden die Geschäfte getätigt und das Geld an die Arbeiter ausgezahlt. In Schaukästen finden wir die Bücher des Buchmachers, die uns einen groben Einblick in die kaufmännischen Geschäfte der Fabrik geben. Wir führen noch ein letztes Interview, bevor wir schließlich das Büro wieder verlassen und zurück zum Hauptgebäude gehen.

Vor allem wird uns bei dem Besuch der Tuchfabrik Müller klar, unter welchen unzumutbaren Bedingungen die Arbeiter arbeiten mussten und welche Fortschritte es bis heute gibt: Nicht nur im Hinblick auf die Maschinen, sondern auch hinsichtlich der Bedingungen und Rechte der Arbeiter.

Wer sich für die Industrie des 20. Jahrhunderts interessiert, der sollte sich hier, so wie wir, auf eine kleine Zeitreise in der Tuchfabrik Müller begeben und die alten Maschinen für sich arbeiten lassen.

Christine Köhler, 9a (2008), FEG